Vor ihr hatte es offenbar niemanden interessiert: Die junge Deutsche, Jahrgang 1972, ist die Erste, die die Sicht der türkischen MigrantInnen auf den Mauerfall und die deutsche Wiedervereinigung untersucht. Von 2001-2005 promovierte sie an der Freien Universität Berlin zu diesem Thema - und kommt zu dem Schluss: Die Enkel, Söhne und Töchter der türkischen GastarbeiterInnen sind die großen Verlierer der Wende. Zumindest sehen sie selbst sich so. Çil, Ex-Punkerin und Hausbesetzerin, zog 1993 von Bremen nach Berlin und studierte zunächst Religionswissenschaften.
taz: Frau Çil, der 9. November 1989 - ein unvergesslicher Abend?
Nevim Çil: Ich war zu Hause in Bremen und guckte an dem Abend einen Film, dann wurde die Sendung unterbrochen und die Bilder dieser Menschen an der Mauer gezeigt. Oh Gott!, war meine erste Reaktion. Hilfe! Deutschland wird größer. Das war mein erster Impuls. … Welche Rolle spielte der Mauerfall in ihrem Leben, bis sie 1993 nach Berlin kamen? In Bremen mussten wir natürlich in den Geschäften nicht Schlange stehen wie die Leute in Berlin. Im Alltag änderte sich für mich zunächst nichts. Es ging aber schleichend weiter. 1990 war die Wiedervereinigung, 1991 folgte die Veränderung des so genannten Ausländergesetzes, der Asylparagraph wurde gestrichen. Dann gabs die Brandanschläge von Mölln und Solingen, vorausgegangen waren Rostock und Hoyerswerda. Die Gesellschaft begann sich ab dem 9. November stark zu verändern. … In Ihrer Doktorarbeit an der FU beschäftigen Sie sich mit dem Blick der türkischen Migranten auf den Mauerfall. Ist das die andere deutsche Geschichte? Es hat mich verblüfft, dass zu den sämtlichen Jahrestagen der Wende die Perspektive der Migranten überhaupt nicht erwähnt wird. Ich höre kaum etwas darüber, obwohl ich persönlich den deutlichen Eindruck hatte, dass sich dadurch für die Migranten etwas Wesentliches verändert hat. Das wollte ich erforschen. Dazu habe ich sehr breit gefasste Interviews mit türkischen Männern und Frauen in Berlin geführt, um zu gucken, ob sich meine These bestätigt.