Migration | Bewegungsmuster
Sonntag Nacht: Quietschend fährt der Zug aus Warschau in den Berliner Ostbahnhof ein. Als er schließlich zum Stehen kommt, springen die ersten Passagiere behende aus ihren Waggons. Schnell bilden sich Gruppen, nur wenige ziehen alleine los. Man unterhält sich, zumeist nicht in Deutsch. Es sind vor allem Polinnen und Polen, die zu so später Stunde den Ostbahnhof verlassen, um in ihre bescheidenen Quartiere zu ziehen. Mehr als neun Stunden Zugfahrt haben die meisten bereits hinter sich. Drei oder vier harte Wochen liegen vor ihnen, bevor sie dann erneut den Zug in Richtung Heimat besteigen. Etwa 100.000 Polen pendeln regelmäßig zwischen Berlin und ihrer polnischen Heimatstadt hin und her. Sie reisen als Touristen ein, gelten aber als “illegal”, sobald sie einer Beschäftigung nachgehen. [...]
Karol ist 43 Jahre alt. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Seine Familie lebt in der Nähe von Krakau. Als gelernter Autoschlosser fand er in Polen keine Arbeit. So fuhr er zunächst LKW, später Taxi. Der Verdienst hielt die Familie mehr schlecht als recht über Wasser. Daran änderten auch zwölfstündige Schichten nichts. Vor allem seit die älteste Tochter studiert und seine Frau arbeitslos geworden ist, reicht das Geld zum Leben nicht mehr. “1000 Zloty sind einfach nicht genug für fünf Personen.” Doch klagen will er nicht. Vor zwei Jahren vermittelte ihm eine seiner Schwestern, die in Berlin lebt, einen Job. Nun verlegt er im Auftrag einer Firma Fliesen und Parkett, setzt Fenster und Türen ein oder malert und tapeziert Wohnungen. Bei ca. sechs bis sieben Euro pro Stunde kann er in sechs Wochen bis zu 3000 Euro verdienen. Dafür arbeitet Karol zumeist 12 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Freizeit gönnt er sich nicht. Ohne seine Familie fühlt er sich ohnehin allein. “Mein normales Leben ist in Polen. Hier? Das ist nicht normal.” Nach sechs Wochen harter Arbeit fährt Karol für zwei Wochen zu seiner Familie. Doch die Zugfahrt ist teuer und anstrengend.
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